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 Ein Platz ohne Zeit

Diesmal befinden wir uns in der kleinen Gasse Via Barbadori bei der Alten Brücke, in der Werkstatt Arte Decorativa von Simone Fiordelisi, der zu den wenigen florentinischen Handwerkern zählt, welche noch heute die alte Tradition der scagliola fortführen und mit dieser zauberhaften Technik, Einlegedekorierungen aus einer Mischung von Marmorpulver und Spezialklebstoffen auf Marmortafeln schaffen.

Wann und warum haben Sie mit scagliola-Dekorierung begonnen?
Es war in 1996. Ich begann, die Werkstatt meines Vaters zu besuchen - diese Werkstatt, wo wir jetzt sind. Er war Handwerker und seit 1967 arbeitete er mit scagliola.
Ich war Kunststudent: Kunst war meine große Liebe, und langsam verstand ich, daß scagliola-Dekorierung nicht nur Handwerk ist, sondern eine richtige Kunst. Und diese Kunst fand ich sogar mehr interessant als Malerei oder Skulptur. Ich begann zu fragen, mitzuarbeiten ... und heute bin ich hier!

Wieviele Künste braucht man zu meistern, um scagliola-Dekorierungen zu schaffen?
Ach, das ist sehr subjektiv - es gibt sogar Leute, welche mit scagliola arbeiten, obwohl sie gar keine Kunst kennen ... Nein, ernst gemeint: Vor allem muß man sehr gut zeichnen können, um den eigenen Ideeen und den Ideen der Kunden Gestalt zu geben; dann braucht man, die Farben zu kennen - wie man sie verwendet, wie man die schönsten Kombinationen und Schattierungen herstellt ... Und dann braucht man auch, Einlegekunst zu meistern. Und wie man Marmor schleift, poliert und behandelt - das ist auch sehr wichtig.
Scagliola-Dekorierung ist eine Verarbeitung, welche verschiedene anderen Künste erfaßt. Und sie sind alle wichtig.

Sind Sie mehr ein Fortsetzer der Tradition oder ein Erneuerer?
Ein Fortsetzer. Diese traditionelle Kunst hat eine 500 Jahre lange Geschichte ... Aber ich bin überzeugt, Erneuereung ist auch unentbehrlich. Ohne Erneuerung würde diese Kunst aussterben. Meine Dekorierungen und Motive sind keine bloße Nachahmungen von Werken aus der Vergangenheit: Obwohl scagliola seit so langer Zeit existiert, haben heutige Menschen ganz andere Ideeen und Geschmack, als in der Renaissance!
Nicht nur Motive sollen im Laufe der Zeit wechseln, die Technik selbst muß sich anpassen. Heute sind scagliola-Tafel sehr gerne auch in Gärten oder auf Terrassen verwendet, während sie in der Vergangenheit nur in Innenräumen gestellt wurden. Darum benötigt man, neue Techniken zu entwickeln, mit denen die Dekorierungen schön und standhaft sein können.

Simone ritzt auf einem großen weißen Marmortafel Formen ein. Als Werkzeuge benützt er Hammer und kleine Meißel: Wieviele Zeit benötigt diese Verarbeitungsphase? Und warum verwenden Sie nur Handwerkzeugen und keine Maschinen?
Das ist eine der längsten Verarbeitungsphasen, für so große Tafel brauche ich zehn Tage.
Warum ich keine Maschine verwende? Aus vielen Gründen. Es wäre unmöglich, große Maschinen in einer so kleinen Werkstatt wie diese zu werwenden - es fehlt an Platz, und ich sollte in einer Marmorstaubwolke arbeiten! Aber vor allem, weil meine Dekorierungen aus Einzelmotiven bestehen, und nicht aus wiederholten Teilen: Solche Motive kann man nicht mit einem computergesteuerten Pantograph herstellen. Ich könnte eine Handbohrmaschine verwenden ... aber mit der Zeit bin ich so schnell geworden, daß mit meinem Meißel so schnell wie mit einer Bohrmaschine arbeite!
Einige Handwerker sagen mir «Simone, du bist dumm, wieso verwendest du keine Maschinen?». Ich habe gelernt, auf dieser Weise zu arbeiten - und ich sagte es: Ich setze die Tradition fort...

Welche Objekte oder Motive schaffen Sie am liebsten?
Es sind Objekte, welche ich gut ausführe und wenn sie fertig sind, sind sie sowohl für mich als auch für andere Leute schön. Manchmal kommt jemand am Schaufenster vorbei und sagt mir «Diese Tafel ist schön». Es ist eine große Freude, wenn ich den anderen Menschen durch scagliola meine Idee von Schönheit mitteilen kann.
Und eine große Freude ist auch, wenn ich endlich die Tafel auf dem Platz gestellt sehe, wo sie stehen wird - und sehe, daß zwischen der Tafel und dem Raum Harmonie besteht.

Was braucht man, um scagliola-Handwerker zu werden?
Man braucht Liebe, Geduld und Präzision. Mit der Liebe für diese Kunst sucht man immer, neue Sachen zu erfinden und sich zu verbessern; Geduld hilft, alle Einzelheiten mit Sorgfalt zu verarbeiten - und Präzision ... ach, ohne Präzision geht es gar nicht!

Was sehen Sie in der Zukunft des Kunsthandwerks in Florenz?
Kunsthandwerk muß von Stadt und Staat mehr gefördert werden; und hoffentlich werden auch Mode und Menschen verstehen, wie wichtig Kunsthandwerk ist. Wir Handwerker folgen nicht der Mode des Moments, wir leben sozusagen in einer anderen Zeit: Wenn man eine Handwerkerwerstatt betritt, findet man einen Platz ohne Zeit ... Wir können nicht nur laufen laufen laufen - wir brauchen, auch Zeit für Kunst und Schönheit zu finden.
Viele Touristen kommen nach Florenz auf der Suche nach etwas "anderes", und sind erstaunt, wenn sie eine Handwerkerwerkstatt finden und entdecken, daß diese Stadt nicht nur Geschäfte und Museen anbieten kann, daß es Menschen gibt, die - halb Handwerker, halb Künstler - schöne und einmalige Objekte schaffen. Objekte, in denen ihre eigene Seele steckt ... Das sehe ich in der Zukunft: Kunsthandwerk wird uns helfen, nachzudenken und Zeit für schöne Sachen zu finden.

Webseite von Arte Decorativa »

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